Intersex - Ohne Rassismus geht alles besser

In Baden-Württemberg läuft sei einiger Zeit die Erarbeitung des Aktionsplans für Akzeptanz und gleiche Rechte. Menschen, die permanent darauf hinweisen, auch trans- und intersexuelle Menschen zu berücksichtigen, haben es nicht immer leicht. Auszuhalten sind vorallem ignorantes Verhalten, Vereinnahmung und vorallem Lobbyismus. Eine dieser Lobbygruppen ist zwischengeschlecht.org, ein Verein der gute Arbeit macht, aber es nicht lassen kann, geschlechtliche Rassismen in die Welt zu setzen. Wir bedauern das. Diese Lobbygruppe hat sich nun in Sachen Baden-Württemberg zu Wort gemeldet: Mit einem Bericht der wichtig ist. Wären da nicht die üblichen Unterstellungen und Falschbehauptungen gegen transsexuelle Menschen. Hier ein offener Brief.
 
Liebe Leute von zwischengeschlecht.org,

ihr habt da einen wichtigen Bericht verfasst. Aber er enthält leider ein paar Seiten, die unwahr sind oder Transsexualität so darstellt, wie das Leute, die transsexuelle Menschen unsichtbar machen wollen, gerne hätten. Wir finden Eure Arbeit echt wichtig, aber es wäre schön, wenn ihr es lassen könntet, die Menschen, die auf Eurer Seite stehen schlecht zu machen oder in einem falschen Licht darzustellen.

1. Es gibt intersexuelle Mitglieder bei ATME

Wenn man in der Lage ist, Geschlecht nicht als Schbulade zu betrachten, wird einem schnell klar werden, dass geschlechtliche Normabweichungen in Wirklichkeit eine Sache der Übergänge sind. "Intersexualität", "Transsexualität" und sogar "Homosexualität" sind in erster Linie Definitionen, keine Frage von einer Art "Menschenrassen". Dennoch: Es gibt auch ATME-Mitglieder die als intersexuell diagnostiziert wurden. Manche von ihnen schweigen auf Grund des geschlechtlichlichen Rassismus, den wir gerade angesprochen haben.

2. Dass Intersexualität in BW überhaupt behandelt wird, habt ihr Mitgliedern von ATME zu verdanken

Auch wir ärgern uns darüber, dass Trans- und Intersexualität häufig als Identitäts-Problem dargestellt wird und die Thesen der Money-Jünger sich immer mehr verbreiten. Geschlechtliche Viefalt ist für uns keine Erfindung und es existieren Menschen, die nicht zu Weltbildern passen wollen. Menschenrechtsverbrechen gibt es überall dort, wo genau der umgekehrte Ansatz verfolgt wird, wenn Menschen den Ideologien angepasst werden sollen.

Hier ein Ausschnitt der Mail von ATME e.V. vom 1. November 2013:

"Für trans und intersexuelle Menschen ist die Umfrage nicht beantwortbar und ungünstig. Die Trennung nach sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität ist nicht geeignet die spezifischen Probleme trans- und intersexueller Menschen zu erfassen. Bei Transsexualität fehlen fragen zum Ernstgenommen werden in seinem eigentlichen Geburtsgeschlecht, von dem körperliche Merkmale abweichen, bei Intersexualität fehlt der ganze Themenblock der körperlichen Zwangsmassnahmen (wie Verstümmelungs-OPs nach der Geburt). Bei Transsexualität fehlen die Fragen nach traumatischen Erlebnissen, die auf Grund der Fehlannahme basieren, dass es hier um Identität ginge.
Einen Fragebogen online zu stellen, bei dem von vornherein weiterer Missbrauch getriggert wird, indem wieder von "Identität" die Rede ist, ist sehr schmerzvoll und man bekommt den Eindruck, dass derjenige, der den Fragebogen erstellt hat nichts von Inter- und Transsexualität verstanden hat bzw. sich noch nicht einmal über die Pathologiserungs- und Fremdbestimmungsproblematik bewusst ist.

Der Teil für trans- und intersexuelle Menschen sollte komplett neu erstellt werden. Am Besten mit Zusammenarbeit mit Vereinen, die sich mit Menschenrechtsverletzungen an transsexuellen und intersexuellen Menschen auskennen."

3. Die Broschüre des LSBTTIQ-Netzwerks

Auch wir haben uns darüber geärgert, dass in der Broschüre des Netzwerks die zentralen Forderungen fehlen. Zudem erinnern wir die Landesregierung in regelmässigen Abständen daran, dass trans- und intersexuelle Menschen stärker beteiligt werden sollen.

Ausschnitt einer Mail vom 13.01.2014

"Sehr geehrter Minister Stoch, sehr geehrte Damen und Herren, wir gewinnen den Eindruck, dass trans- und intersexuelle Menschen nicht an den Überlegungen zum Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg beteiligt worden sind. Daher möchten wir Ihnen auf diesem Weg mitteilen, was im „Arbeitspapier für die Hand der Bildungsplankomissionen als Grundlage und Orienterung zur Verankerung der Leitprinzipien“ falsch ist und wo aus menschenrechtlicher Sicht Nachbesserungsbedarf besteht:

[...]

Auch Intersexualität hat primär nichts mit Identität zu tun, sondern mit körperlichen Merkmalen die als „undeutig“ gelten und der damit verbundenen Folgen wie Genitalverstümmelungen im Baby- und Kindesalter um die Genitalien zu ver“eindeutigen“."

Ausgehende Mail vom 10.01.2014

"... gleichzeitig aber möchten wir Sie darauf hinweisen, dass es äusserst fragwürdig ist, Transsexualität (und insbesondere auch Intersexualität) als "Identität" zu verstehen. Menschen, die geschlechtlich von einer stereotypen Geschlechternorm abweichen brauchen sich nicht erst zu identifizieren, sondern tun dies manchmal auch bereits deswegen weil sie die Menschen sind, die sie sind. "

Zugegeben würden wir uns wünschen, wenn man vom Land Baden-Württemberg ab und an auch mal Antworten auf diese Mails erhalten würde. Noch besser wäre es aber, wenn Vertreter der Landeregierung nicht regelmässig Signale aussenden würden, die man als "Ignoranz" auffassen kann. Dazu gehören auch Sätze wie den von Frau Altpeter:

„Mit dem Aktionsplan will die Landesregierung nach wie vor bestehende Diskriminierungen gegenüber nicht-heterosexuellen Menschen abbauen und Baden-Württemberg zu einem Vorreiter für Offenheit und Vielfalt machen“
(Aus einer Pressemitteiliung zum Beteiligungsworkshop des Landes)
 
Übrigens, in der Broschüre des LSBTTIQ-Netzwerks ist auch die wichtigste Forderung "transsexueller" Menschen nicht enthalten: Die Abschaffung der Psychopathologisierung, die auf "Gender Dysphorie"-Thesen und dergleichen basiert. Das haben die Verfasser Broschüre ebenso ausgespart.

Eine Bitte:

Wenn ihr damit aufhören würdet, permanent transsexuelle Menschen als das darzustellen, das sie nach Ansicht von John Money und co sein sollen, nämlich biologisch nicht-existent und Menschen, deren Identität vom "biologischen Geschlecht" abweichten ("Gender Dysphorie") , wenn ihr es beenden würdet, mit Teilen der Weltanschauung, zu argumentieren, gegen den sich ja eure Hauptkritik richtet... dann wäre das ein grosser Schritt in die richtige Richtung.

Es mag sein, dass zwischengeschlecht.org zu diesem Schritt nicht in der Lage ist, was wir wirklich schade finden würden, da Menschen, die auf Grund dessen, dass diese von Normen abweichen und als unpassend erachtet/kategorisiert/schubladisiert und medizinisch diganostiziert werden, heute schon weiter sein könnten, wenn diese Menschen begreifen würden, dass es vorallem diese geschlechtlichen Rassismen sind, die Grund dafür sind, warum geschlechtlich zugewiesen und Menschen angepasst werden.

Wir werden hier dennoch einen Link zu eurer Broschüre anbringen. Selbst dann, wenn ihr der Rassismus gegen transsexuelle Menschen wieder einmal nicht sein lassen konntet. Wir hoffen, dass der aufmerksame Mensch in der Lage ist, die 95 Prozent der Seiten, auf denen wichtiges und richtiges steht, von den 5 Prozent Hass und Menschenverachtung in eurer Veröffentlichung zu unterscheiden.
 
Danke für's Berücksichtigen,
ATME e.V.

Ai-Report berücksichtigt keine transsexuellen Menschen

Wir sind immer wieder darüber verwundert, wie Menschen, die unter "Transgender" offenbar etwas völlig anderes verstehen, als transsexuelle Menschen unter "Transsexualität" trotzdem meinen, es ginge um dasselbe. In einem aktuellen Bericht von Amnesty International heisst es, dass in allen Gesellschaften Gendernormen bestimmten, was als angemessenes Verhalten für Männer und Frauen gelte und wie man sich zu kleiden oder benehmen habe. Amnesty International richtet den Fokus der Kritik also auf Verhaltensweisen. Transsexualität hat mit Gender-Verhaltensweisen aber herzlich wenig zu tun.

Seit dem die Aktion Transsexualität und Menschenrecht e.V. 2008 in einem Report an die Vereinten Nationen darauf hingewiesen hat, dass transsexuelle Frauen Frauen sind (es ging um das internationale Frauenrechtsbakommen CEDAW), meinten wir, was wir geschrieben hatten. Was wir nicht geschrieben haben ist, dass transsexuelle Frauen Männer seien, die sich wie Frauen verhalten wollen oder weibliche Kleidung tragen wollen. Hier das Zitat von AI:

“In all societies, gender norms determine what is deemed 'appropriate' behavior for men and women, which may include dress, speech and mannerisms." und weiter "But individuals who transgress these boundaries – whose behavior lies outside of the accepted gender norms – often face stigma and discrimination, harassment, and sometimes even violence and murder."

Wir möchten hier in aller Deutlichkeit klarstellen, dass transsexuelle Menschen existieren. Sie sind nicht Männer, die sich wie Frauen verhalten wollen und auch keine Frauen, die sich wie Männer verhalten wollen. Wir sagen deutlich, dass wir nicht für Zwecke vereinnahmt werden wollen, die nichts mit Transsexualität zu tun haben. Wir finden es gut, wenn Amnesty International sich für Transgender-Personen einsetzt, wehren uns aber entschieden gegen Vereinnahmung und Unsichtbarmachung.

Wir wehren uns ausserdem auf eine Reduzierung des biologischen Geschlechtes auf wenige Merkmale, ein Vorhaben, dass dazu geeignet ist, transsexuellen Menschen eine Anerkennung in ihrem eigentlichen Geschlecht zu verwehren, oder eine Ungleichbehandlung zwischen angeblich "biologischen" und "unbiologischen" Geschlechtern legitimiert. Transsexuelle Menschen sind genauso biologisch vorhanden wie alle anderen Menschen. Sie sind nicht falsch oder künstlich.

Herzlichen Dank für das Beachten.