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Zynismus beim NDR in Hamburg - jetzt auch vom Rundfunkrat

Am Januar strahlte der ARD-Weltspiegel unter Verantwortung des NDR einen Beitrag aus, in dem in verächtlicher Weise über Frauen, die nicht den Körpernormen entsprechen berichtet wurde. So wurden diese als Männer bezeichnet und der Beitragstext mit zynischen Textformulierungen versehen. Unsere Beschwerde, die wir an den Rundfunkart gesendet hatte, wurde zurück gewiesen.

Wir veröffentlichen nun die e-mail des Vorsitzenden des Rundfunkrats:

"Sehr geehrte Frau Schicklang,

mit der oben genannten Programmbeschwerde haben Sie sich an den Rundfunkrat des Norddeutschen Rundfunks gewandt.

Der Rundfunkrat hat sich in seiner Sitzung am 22.09.2017 mit Ihrer Beschwerde befasst. Dem vorangegangen war eine ausführliche Beratung im Programmausschuss am 18.07.2017. Der Rundfunkrat bedankt sich für die Eingabe, die zu einer intensiven Befassung mit dem Thema geführt und die Mitglieder zusätzlich sensibilisiert hat. Er bittet die Redaktion zukünftig darauf zu achten, dass aktuelle Diskussionen im Text des Beitrages berücksichtigt und ggf. unterschiedliche Sichtweisen in anderen Ländern in der Sendung deutlich gemacht werden.

Nach intensiver Diskussion und sorgfältiger Prüfung des Sachverhalts weist der Rundfunkrat Ihre Programmbeschwerde zurück. Der Rundfunkrat kann keinen Verstoß gegen die für den NDR geltenden Rechtsvorschriften feststellen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Günter Hörmann
Vorsitzender des Rundfunkrates"

Möglicherweise muss der öffentliche Druck auf die Sendeanstalten grösser werden? Wir alleine können das nicht erreichen. Veränderung zum Besseren tritt erst dann ein, wenn viele Menschen aktiv werden. Deswegen veröffentlichen wir nun auch die e-mail-Adresse des NDR-Rundfunkrates. Sie lautet: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Link zu unserer Programmbeschwerde:
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Link zum Beitrag:
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Unsere Antwort:

"Sehr geehrter Herr Hörmann,

als Jurist müssten sie ja wissen, wie die Rechtslage in Deutschland aussieht. Frauen mit Transsexualität sind auch vor dem Gesetz Frau, wenn sie das Transsexuellengesetz in Anspruch genommen haben. Dieses Gesetz sagt, dass die Geschlechtspapiere, also auch die Geburtsurkunden abgeändert und korrigiert werden. Eine Geburtsurkunde ist ein Nachweis über das Geburtsgeschlecht eines Menschen.

Insofern wäre es in Deutschland unzulässig, Frauen, die rechtlich auch als Frau geführt werden, als Mann zu bezeichnen. Dazu gibt es Urteile des Bundesverfassungsgerichtes. Wir können Ihnen diese Urteile gerne heraussuchen, wenn sie per google-Suche nichts dazu finden.

Gleichzeitig hat sich die Bundesrepublik Deutschland dazu verpflichtet, in Sachen Menschenrechten ausländische Menschen nicht ungleich zu den Menschen zu behandeln, die einen deutschen Ausweis besitzen. Das trifft auch auf transsexuelle Frauen zu, die sich in Deutschland aufhalten und keinen deutschen Ausweis besitzen.

Ist es juristisch in Ordnung, dass...
a) in Deutschland Frauen, die vor dem Gesetz als Frau gelten, als Männer zu bezeichnen, obwohl Urteile des Bundesverfassungsgerichtes dies untersagen?
b) öffentlich-rechtliche Sendeanstalten Urteile des Bundesverfassungsgerichtes nach Gefühlslage umgehen?
c) Berichte über Menschen im Ausland anders gehandhabt werden, als über Menschen in Deutschland? Auf welcher juristischen Grundlage basiert dies?

Wir bitten um eine Antwort in den nächsten Wochen. Wir bitte Sie auch um Wiedervorlage des Themas - unter Berücksichtung der Gesetzeslage und des Wissens um Bundesverfassungsgerichtsurteile - auf eine der nächsten Sitzungen des Rundfunkrates.

Mit freundlichen Grüssen,

Kim Anja Schicklang"

 

 

Transsexuellenfeindlichkeit in den Medien. Beispiel: Tagesspiegel, Berlin.

Aus einem Artikel des Tagesspiegels, September 2017: "Frau-zu-Mann-Transsexueller ist rechtlich Mutter seines Kindes. Auch wenn ein Transsexueller vor der Geburt sein Geschlecht von Frau zu Mann hat ändern lassen, bleibt er rechtlich trotzdem Mutter seines Kindes. Das stellte der Bundesgerichtshof fest. [...] Ein Transsexueller ist rechtlich gesehen die Mutter eines von ihm geborenen Kindes."

Ein üblicher Artikel. Und weil er so üblich ist, fällt uns die Transsexuellenfeindlichkeit erst gar nicht auf. Dabei handelt es sich hier um ein journalistisches Beispiel für instituationalisierte Transphobie:

In der Überschrift wird ein Mann "Frau-zu-Mann-Transsexueller" genannt, darunter als "Transsexueller" bezeichnet, als jemand der "sein Geschlecht von Frau zu Mann hat ändern lassen".

Diese Nicht-Anerkennung des Geschlechts eines Menschen hält sich hartnäckig. Das Klischee von den Menschen, die sich irgendwie geschlechtlich anders fühlten, obwohl ihr Körper doch eindeutig sei, ist eine Anwendung gesellschaftlich verankerter Transsexuellenfeindlichkeit, die medial bis zum Erbrechen immer wieder auf Endlosschleife läuft.

Wir merken hier, wie die Presse immer noch damit arbeitet, nicht vom Geschlecht eines Menschen auszugehen, sondern von den Klischees, die über Menschen mit körperlichen Variationen existieren. Das ist Vorfärbung, um das ewiggestrige Stereotyp über Transsexualtät aufrecht zu erhalten.

Wie wäre es denn, wenn das Geschlecht einfach anerkannt würde? Daran zu erinnern wäre, dass es keinen Grund gibt, einen Mann, der rechtlich als Mann anerkannt ist, als "Frau-zu-Mann-Transsexuellen", "Transsexuellen" oder womöglich sogar als "Frau" zu bezeichnen. Es handelt sich um einen Mann. Also: Was würde denn passieren, wenn Medienleute ihre verinnerlichte Transsexuellenfeindlichkeit einmal abstreifen würden und einen Mann einfach nur "Mann" nennen würden?

Dann stünde da:

"Ein Mann ist rechtlich gesehen die Mutter eines von ihm geborenen Kindes. Das teilte der Bundesgerichtshof mit."

Manch' einer mag damit argumentieren, dass das dann ja absurd wäre. Eine Überschrift wie "Mann ist rechtlich die Mutter seines Kindes" würde doch sehr paradox klingen und man könne das doch dann den Lesern nicht zumuten. Unsere Antwort auf solche Ausreden: Doch, das kann man. Weil es die Realität ist. Das paradoxe und seltsame ist nämlich nicht, das Menschen sich zu ihrem Geschlecht äussern - das paradoxe und seltsame ist, dass es Ewiggestrige immer noch nicht verstehen und anerkennen können bzw. wollen, dass Körpermermale nicht immer einen Rückschluss auf das Geschlecht eines Menschen geben.

Die Konfliktlinie ist hier eindeutig: Es geht hier um die Frage, wer das Recht hat, sich zu seinem Geschlecht äussern zu dürfen und was stärker wiegt - das Wissen, das ein Mensch über sich hat, oder die (funktionale) Zuweisung von Aussen. Diese Frage ist aber längst Ende der 70er-Jahre beantwortet worden, als das Bundesverfassungsgericht damals dem Wissen, das Menschen über sich besitzen, einen grösseren Stellenwert eingeräumt hat.

Mit was haben wir es also zu tun? Mit einer aktiven Verweigerungshaltung, das Geschlecht eines Menschen anzuerkennen. Wer von "Frau-zu-Mann-Transsexueller" spricht, will das Geschlecht eines Mannes nicht als solches anerkennen. Es handelt sich um offene Transphobie.

Der Artikel:
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