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Identität und Ausgrenzung

Wenn Menschen sich zu Gruppen zusammenschließen kann das toll sein. Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit kann Halt im Leben geben. Wenn aber Menschen von außen in Gruppen gesteckt werden, dann ist genau das Gegenteil möglich: Menschen können ausgegrenzt und Klischees über sie verbreitet werden. Im Extremfall kommt es zu Auseinandersetzungen bis zum Krieg.

Wir wollen über Identität und Ausgrenzung sprechen. Angefragt haben wir ein Mitglied der Hells Angels in Stuttgart, eine Vertreterin der katholischen Kirche, einen türkischen Journalisten und andere. Als Verein, der sich mit Transsexualität beschäftigt, fragen wir uns: Wie viel Identität verträgt unsere Gesellschaft? Und wer hat überhaupt das Recht dazu von "Identität" zu sprechen? Brauchen wir "Identität" überhaupt?

Am 20. Juli kommen wir um 19:30 Uhr im Merlin in Stuttgart zusammen. Die genauen Namen der Gäste entnehmen Sie bitte der Tagespresse.

 

Hier gehts zur Veranstaltung auf Facebook.

Termin: 20.07.2018, 20 Uhr, Merlin, Stuttgart, Augustenstraße 72

(Wegbeschreibung findet ihr hier)

Lesben, Schwule und Trans* feiern den neuen ICD 11. Menschen mit Transsexualität nicht.

Als am 18. Juni 2018 der neue ICD, der Katalog der Krankheiten online gestellt wurde, freuten sich die Lesben-Schwulen-Verbände. Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld schrieb auf ihrer Facebook-Seite "Eine historische Entscheidung!" und die Online-Postille queer.de zitierte Trans*-Verbände wie Transgender Europe, die sich über die Änderung des ICD freuen. Dabei bliebt der Behandlungsgegenstand "Geschlechtsidentität" und die Zuständigkeit liegt weiterhin bei den psychiatrischen Fachgesellschaften. Es muss die Frage erlaubt sein, warum sich Lesben-Schwulen-Verbände und Transgender-Vereinigungen (also die mit dem "Trans*" im Namen) sich über eine Neuetikettierung eines gleichbleibenden Inhalts freuen, während Menschen mit Transsexualität sich darin nicht wiederfinden.

Ein Erklärungsansatz: Lesben- und Schwulen-Verbänden, sowie Transgender-Vereinigungen, geht es um etwas anderes als Menschen mit Transsexualität. Nachdem "Geschlechtsidentität" weiterhin der Krankheitsgegenstand bleibt und die Diagnostik weiterhin in der Hand der psychiatrischen Fachgesellschaften bleiben wird, muss davon ausgegangen werden, dass "Geschlechtsidentität" für Lesben, Schwule und Transgender-Personen (Trans*Personen) das zentrale Thema ist. "Geschlechtsidentität" kommt aus dem englischen, wurde von John Money einem Psycho-Sexologen in den 1950er und 1960er-Jahren erfunden und meint, dass Menschen sich einem bestimmten sozialen Geschlecht (Gender) zuordnen (Identität). Der Begriff "Geschlechtsidentität" macht es möglich davon zu sprechen, dass einem Menschen ein bestimmtes biologisches Geschlecht zugeschrieben wird, während die geschlechtliche Identifikation dazu als abweichend angenommen wird.

Das Konzept der abweichenden Geschlechtsidentität macht es einfach, sowohl Homosexualitäten als auch Transgender-Varianten zu beschreiben. Ohne an der bisherigen Geschlechterlogik rütteln zu müssen, die - meistens - Genitalien als geschlechtsbestimmenden Faktor annimmt, ist es nun möglich ausdrücken zu können, dass Menschen sich anders fühlen, als biologisch zugeschrieben. Dieses "Fühlen" meint, dass homosexuelle Männer sich auch den weiblichen sozialen Dingen zugehörig fühlen (Hirschfeld, selbst homosexuell, behauptet das so in seinen Büchern). Dieses "Fühlen" meint aber auch, dass manche Menschen trotz ihres Geschlechtes sozial lieber anders erscheinen möchten (Arnold Lowman, ein Transvestit und Transgender-Pionier, der sich den Namen Virginia Prince gab, schrieb das so in seinen Büchern).

Für Homosexuellen-Verbände und Transgender-Vereinigungen ist "Geschlechtsidentität" also essentiell. In Frage gestellt wurde dieses Konzept von diesen Gruppen nie. Es wurde auch keine öffentliche Debatte darüber angestossen, ob das Konzept der "Geschlechtsidentität" nicht auch Schattenseiten hat.

Die Schattenseiten des Konzeptes der "Geschlechtsidentität" wurden von Menschen mit Transsexualität beschrieben und entscheidende Fragen gestellt: Was, wenn es Menschen gibt, die auf Grund ihres Körpers einem Geschlecht zugeordnet wurden, aber eigentlich einem anderen Geschlecht zugehören? Was, wenn Menschen körperliche Variationen mitbringen können? Was, wenn es Frauen mit vermännlichten Genitalien gibt? Was, wenn Männer mit nicht-vermännlichten Genitalien existieren? Was, wenn es diesen Menschen darum geht, sowohl in ihrem eigenen Geschlecht, als auch in ihren Anliegen ernst genommen zu werden?

Und: kann es sein, dass das Konzept "Geschlechtsidentität" die Beantwortung dieser Fragen verhindert?

Würde angenommen werden, dass ein Menschen ein Wissen über sein Geschlecht hat und eine geschlechtliche Äusserung etwas über das Geschlecht aussagt und nicht über die "Geschlechtsidentität", würden bestimmte Gewissheiten, die für Lesben und Schwule und Trans*(gender)-Personen einer Weiterentwicklung benötigen. Dann wäre ein Mensch, der sagt "ich bin eine Frau" entweder ein homosexueller Mann, der seine weiblichen Seiten ausleben will (ein Geschlechtsidentitäts-Thema), oder ein Transvestit, der weiss, Mann zu sein, aber gerne als Frau wahrgenommen werden will (ein Geschlechtsidentitäts-Thema)... oder aber - und das ist etwas, was gerne vergessen wird - eine Frau mit vermännlichten Körpermerkmalen. Im letzteren Fall wäre es, und das ist das entscheidende, kein Geschlechtsidentitätsthema mehr, sondern eine Frage des Geschlechtes.

Wenn also "Geschlechtsidentität" als Krankheitsgegenstand gilt - und das auch weiterhin - dann ist es fast logisch, dass Lesben, Schwule und Trans*(gender)-Personen sich darüber freuen, da ihr Lebensthema dadurch genau abgebildet wird. Menschen, deren Hauptthema der Körper ist, werden sich über die neue ICD-Diagnostik "Gender Inkongruenz" nicht wirklich freuen können, da "Geschlechtsidentität" ja weiterhin behandelt wird, und sie dann, wenn sie zum Arzt gehen, weil sie Hormone benötigen oder Operationen wünschen, in Zukunft weiterhin mit einer Transgender-Diagnostik zu tun haben werden. Weiterhin werden sie dazu befragt werden, wie sie sich in der Kindheit verhalten haben, weiterhin werden sie befragt werden zu Spielzeugen, mit denen sie gerne gespielt haben, sie werden befragt werden zu Spielkameraden, zu ersten Liebesbeziehungen, sprich: Zu all den Themen, die mit körperlichen Variationen nichts zu tun haben, sondern mit sozialen Rollen und sozialen Zuordnungen. Wer dann zum Arzt geht und Hormone wünscht oder Operationen wird also auch in Zukunft weiterhin mit genderdeutender Medizin zu tun haben.

Die Frage ist: Wäre eine andere Medizin möglich? Ja. Menschen mit Transsexualität haben dazu bereits Vorschläge gemacht. Es wäre möglich, dass Geschlecht eines Menschen am Anfang einer medzinischen Behandlung nicht in Frage zu stellen. Die "Stuttgarter Erklärung" war ein erster Aufriss.

Damit aber so ein Neuansatz in der Diagnostik möglich wird, müssten nicht nur Homosexuellen-Verbände oder Trans*(gender)-Vereinigungen gehört werden, die "Geschlechtsidentität" als Thema haben, sondern auch Menschen mit Transsexualität zu Wort kommen. Bisher wurden diese eher unsichtbar gemacht und es wäre schön, wenn sich daran auch mal etwas ändern würde.