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Die Leugnung transsexueller Körper. Ein Erklärungsversuch.

Dass Transsexualität - also die Abweichung von Körpermerkmalen zum eigenen Geschlecht - in Kontexten, in denen es um geschlechtliche Vielfalt gehen sollte, oft weggelassen wird, ist eine Tatsache. Auch die Nennung von trans* macht es nicht besser, da sich trans* auf eine Geschlechtsidentität (gender identity) bezieht, die als Abgrenzung zum biologischen Geschlecht (sex) erfunden worden ist.

Die Frage ist aber: Warum ist das so, dass Transsexualität unsichtbar gemacht wird?

Ein Erklärungsversuch.

Es liegt zu grossen Teilen an den Ängsten von Menschen, die sich ihr geschlechtliches Sein selbst erst erarbeiten mussten wie z.B. homosexuelle Menschen oder Transvestiten. In tiefergehenden Gesprächen wurden wir darauf hingewiesen, dass homosexuelle Kinder sich oft fragen, welches Geschlecht sie seien. Stellen wir uns einen femininen schwulen Jungen vor. Er stellt fest, dass er möglicherweise andere Dinge gern hat, wie andere Jungs. Vielleicht Dinge, die eher Mädchen mögen. Und dann interessiert er sich auch noch - wie die Mädchen - für andere Jungs. Ähnlich wird es sich bei lesbischen Mädchen verhalten, die schon früh gegen Rollenerwartungen rebellieren.

Zum homosexuellen Coming Out Prozess wird nun gehören, Gender-Erwartungen zu hinterfragen:

Ist es wirklich so, dass alle Jungs gleich sind? Übernehmen wirklich alle Jungs klassische Männerrollen? Oder sind dies eventuell Klischees und Stereotype? Machen Mädchen immer das, was andere Mädchen machen? Oder sollte dagegen rebelliert werden?

Am Ende eines homosexuellen Coming Out-Prozesses wird die Erkenntnis stehen, dass Vorlieben für typische "Männerdinge" oder "Frauendinge" gesellschaftlich gemacht sind und nicht angeboren sind. Was am Ende übrig bleibt ist der Körper, welcher der geschlechtlichen Selbstvergewisserung dient.

Der Körper ist die Konstante des homosexuellen und transvestitischen Selbstverständnisses, von der eine gesellschaftliche Rolle abweichen kann. Oder um es medizinisch-psychiatrisch auszudrücken: Der Körper ist das "biologisches Geschlecht" (sex), von dem eine Geschlechtsidentität (gender identity) abweicht.

Und was hat das nun mit der Unsichtbarmachung von Transsexualität zu tun?

Menschen mit Transsexualität machen ihr Geschlecht (sex), nicht an den äusseren Körpermerkmalen fest, sondern wissen, dass Körper vom Geschlecht abweichen können. Dies muss zwangsläufig Menschen verunsichern, die Geschlecht an den äusseren/sichtbaren Körper-Merkmalen festmachen und alles weitere als "Geschlechtsidentität" verstehen. Sie werden Menschen mit Transsexualität, die sich zu ihrem Geschlecht äussern, dahingehend falsch verstehen, dass die Aussage "ich bin eine Frau", "ich bin ein Mann", "ich bin ..." als Aussage über eine Geschlechtsidentität interpretiert wird, da die Gleichung Körper=Geschlecht der eigenen homosexuellen oder transvestitischen Selbstvergewisserung wegen nicht in Frage gestellt werden kann.

Daraus ergeben sich die bekannten Schwierigkeiten Transsexualität anzuerkennen. Dies galt lange Zeit auch für Intersexualität. Durch die Schaffung eines "dritten Geschlechts" und "Intergeschlechter" ist die homosexuelle Ordnung aber wieder hergestellt und das eigene geschlechtliche Sein muss nicht mehr in Frage gestellt werden.

Die Existenz von Menschen deren Körper vom Geschlecht abweicht, kann es für homosexuelle Menschen und Transvestiten, die ihre geschlechtliche Selbstvergewisserung aus ihrem Körperzustand ablesen, nicht geben. Sie stören das Narrativ, das für die eigene Selbstverständlichkeit erarbeitet worden ist.

Und noch eine Frage stellt sich: Wie kann das überwunden werden?

Unser Ansatz ist der, unterschiedliche Realitäten zuzulassen und anzuerkennen. Nicht alles muss von allen verstanden werden. Wenn Menschen ihre geschlechtliches So-Sein über angeborene Körperzustände definieren, dann ist das in Ordnung. Zumindest solange sie es für sich selbst so sehen und andere Realitäten zulassen. Deswegen unterstützen wir auch die Idee, Transsexualität in LSBTTIQ abzubilden, also Transsexualität und Trans* als unterschiedliche Lebensrealitäten und geschlechtliche Selbstverständnisse anzuerkennen. Wir gehen davon aus, dass es Menschen mit Transsexualität gibt.

Wir haben aber nicht den Anspruch, schwulen Jungs einzureden, ihr Verhalten würde sie zu Mädchen machen oder lesbischen Mädchen einzureden, sie müssten umbedingt Hormone nehmen, um "zum Mann zu werden". Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch ein Wissen über sich selbst hat. Jeder Mensch kann zu sich finden und sich irgendwann zu sich selbst äussern.

Es ist unser Selbstverständnis dass kein Mensch das Recht besitzt, das geschlechtliche Sein eines anderen Menschen anzuzweifeln. Wir arbeiten darauf hin, dass das auch bei Transsexualität der Fall sein wird. Noch ist das nicht so. Transsexualität ist nicht trans*.

Rainer Stadler über Jens Spahns Konversionsverbote

Es wird zur Zeit ja so getan, als ob Jens Spahn, der Gesundheitsminister der CDU, Konversionstherapien verbieten möchte. Wir zweifeln an, ob damit Menschen mit Transsexualität gemeint sind. Dazu erscheinen dann auch Artikel in Zeitungen. Wie beispielsweise in der Süddeutschen am 8. Juli 2019 von Rainer Stadler.

Rainer Stadler schreibt unter der Überschrift "Keine Krankheit - Konversionstherapien für Transmenschen zu erlauben, ist Willkür", dass es ein Verdienst von Gesundheitsminister Jens Spahn sei, wenn in den kommenden Monaten darüber abgestimmt werde, Umpolungstherapien zu verbieten. In Sachen Homosexualität wird dieser Schritt ein wichtiger sein. Menschen mit Transsexualität aber werden weiter davon ausgenommen sein, solange Transsexualität zu einer Frage der Identität gemacht wird. Vereinfacht: Schuld daran ist die Nichtanerkennung dessen, dass Körperteile auch vom Geschlecht von Menschen abweichen können - also der Nichtanerkennung der Existenz von Transsexualität.

Diese Nichtanerkennung ist deswegen möglich, da Transsexualität in der Öffentlichkeit zu Transidentität umgedeutet wird. Aus einer Frage eines abweichenden Körpers wird die Frage einer abweichenden Identifizierung mit sozialen Geschlechterkategorien gemacht. Ganz offen. Und LGBT-Verbände machen bei dieser Nichtanerkennung häufig mit (sie sind daran zu erkennen, dass sie nur ein T verwenden). Aus einem Mädchen mit abweichendem Körper wird per mediznisch-psychiatrischer Definition ein Junge mit einer Gender-Varianz bzw. Gender Dysphorie.

Wir haben den Eindruck, dass viele Journalistinnen den Unterschied zwischen Transidentität/Transgender (trans*) und Transsexualität nicht kennen oder eine Weltanschauung besitzen, in welcher es als legitimer angesehen wird, den sichtbaren Körper als das Geschlecht eines Menschen gleichzusetzen (geschlechtliche Deutung), als Menschen ein Wissen über ihr eigenes Geschlecht zuzugestehen.

In einer Gesellschaft, in der aber nicht anerkannt ist, dass Körper(teile) vom Geschlecht eines Menschen abweichen können - also transsexuell sein können - und die Deutung eines Körperzustandes immer mit dem "biologischen Geschlecht" gleichgesetzt wird, wird es um die Frage gehen, ob ein Verbot von Konversionstherapien auf Grund von "sexueller Orientierung" und "Geschlechtsidentität" auch die Konversion transsexueller Menschen beenden wird. Wir gehen davon aus, dass dies nicht der Fall sein wird. Dazu müssten verboten werden, dass Medizinnerinnen und Psychiatrinnen Menschen mit Transsexualität Diagnosen wie einer "Gender Inkongruenz" auf das Auge drücken können. Diese Diagnostik wird aber zur Zeit von LGBT-Organisationen beworben und soll bis 2022 den alten ICD-Code ablösen.

Deswegen haben wir - auch hier - die Redaktion der Süddeutschen Zeitung angeschrieben:

Liebe Redaktion,

es wäre wirklich schön, wenn ihre Journalisten anerkennen können, dass es einen Unterschied macht, ob wir von Menschen sprechen, die biologisch A sind, aber sich als B identifizieren oder ob wir uns über Menschen unterhalten, die B sind, aber auf Grund ihres Körperzustands für A gehalten werden und sich so behandeln lassen müssen.

Es geht um den Unterschied zwischen Transidentität (trans*, die Frage der Identität) und Transsexualität (eine Abweichung des Körpers zum Geschlecht).

Offenbar wird dies immer wieder verwechselt. Es gibt dafür Gründe. Teils Unwissenheit, teils patriarchale Absicht. Teils handelt es sich um Projektion der eigenen geschlechtlichen Thematik von Autoren.

Dazu ein aktueller Anlass. Rainer Stadler schreibt in einem Artikel vom 8. Juli zu "Transidentität" (Keine Krankheit).'
https://www.sueddeutsche.de/politik/transidentitaet-keine-krankheit-1.4515841

"Menschen, die ihr biologisches Geschlecht angleichen wollen"
"eines Jungen, der sich sein kurzes Leben lang im falschen Körper gefangen fühlte"

Es ging um ein Mädchen mit Transsexualität. Oder einen Jungen mit Transidentität. Wer berichtet, sollte sich entscheiden.

Entweder es handelt sich um das, was in einer von der BVT* empfohlenen Broschüre des Waldschlösschens als "Frausein leben" bezeichnet wird und was in der Regel von der Psychosexologie und ihren Unterstützenden als "Gender Identity" verstanden wird. Dann wäre es die "biologischer Junge fühlt sich als Frau"-Geschichte... also eine "Gender Varianz" oder eine "Gender Dysphorie". (Das eine T)

Oder es handelt sich um eine Abweichung des Körpers vom eigenen Geschlecht. Dann ist das Transsexualität (Das andere T). Da funktioniert eine Konversionstherapie deswegen nicht, da sich abweichende Körpermerkmale nur schlecht wegbeten lassen. Aber: Es funktioniert dann auch nicht beispielsweise Mädchen mit Körpervariation einzureden, sie seien biologische Jungs mit einer Varianz ihrer Geschlechtsidentität. Im Gegenteil. Da fängt dann der Missbrauch an!

Es ist bereits eine Umpolung, wenn Menschen sich anhören müssen, dass ihr Wissen, das sie über ihr Geschlecht haben, kein Wissen über ihr Geschlecht wäre, sondern nur eine Frage der geschlechtlichen Identifizierung. Es ist bereits Umpolung, wenn medizinische Hilfe nur dann gewährt wird, wenn damit zwangsweise eine Gender-Identitätsdiagnostik verbunden ist!

Wir würden uns wirklich sehr freuen, wenn Medienleute den inhaltlichen Unterschied zwischen Transidentität (trans* - abweichende Identität) und Transsexualität (abweichender Körper) anerkennen könnten.

Dazu laden wir sie herzlich ein, Fragen an uns zu stellen, sollte Ihnen das nicht klar sein.

Mit freundlichen Grüssen

Seit ungefähr 10 Jahren fordern wir regelmässig dazu auf, dass öffentlich darüber gesprochen werden kann, dass Körper auch vom Geschlecht von Menschen abweichen können. Seit ungefähr dieser Zeit erleben wir aber auch, dass es einen grossen Widerstand dagegen gibt, sich von der Logik zu lösen, die Deutung von Körpern für die Bestimmung des "biologischen Geschlechts" herzunehmen. Es wäre aber schön, wenn klar würde, dass die Deutung von Körperzuständen immer eine Frage der Gender-Identität des Deutenden ist. Der Deutende teilt auf Grund seiner Vorstellung von Geschlecht zu. Diese Zuteilungen haben sich aber immer wieder geändert, je nach gesellschaftlichem Zustand, je nach Mode, je nach Glaubenssystem.

Wir gehen davon aus, dass kein Aussenstehender mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann, welchem "biologischen Geschlecht" ein Mensch angehört. Wir gehen zudem davon aus, dass Menschen selbst im Zweifelsfall ein besseres Wissen darüber besitzen.

Es muss endlich anerkannt werden, dass Menschen ihr Geschlecht selbst besser kennen, als Aussenstehende und dass Menschen ein Wissen über ihren Körperzustand haben. Dazu ist es notwendig, eine gesellschaftliche Logik zu überwinden, die zwar anerkennt, dass Menschen eine Variation ihrer Geschlechtsidentität (trans*/Transidentität) besitzen, aber in der immer noch abgestritten wird, dass Körper vom Geschlecht abweichen können (Transsexualität).

Wer Umpolung transsexueller Menschen beenden will, sollte sich darüber Gedanken gemacht haben.