Agentur für Grundrechte weist auf Diskriminierung von LSBTTIQ in Deutschland hin
Montag, 14. Juli 2014 um 11:15
In einer aktuellen Broschüre mit dem Titel: "Fundamental rights: key legal and policy developments in 2013. Highlights 2013" weist die FRA, die Agentur für Grundrechte in der Europäischen Union, auf verschiedene Diskriminierungen hin und vergisst auch transsexuelle und homosexuelle Menschen nicht.fra-2014-annual-report-highlights-2013-coverBesondere Kritik erfahren dabei das TSG und die täglich erĺebet Diskriminierung und Angst vor Hate-Speech, welche wir ja Dank der rechten Bildungsgegner - einschließlich der CDU - auf Stuttgarts Straßen hier im Süden zur Genüge erfahren haben.

In der Broschüre heißt es u.a. auf Seite 27:
"Diskriminierung läuft häufig auf Ausschluss von der aktiven Teilnahme in vielen Gebieten des täglichen Lebens hinaus; es werden Barrieren errichtet, die viele Menschen davon abhalten, an der Gesellschaft auf einem gleichen/gleichberechtigten und nicht-diskriminierendem Stand teilzunehmen." [...]
"Beispielsweise müssen Transgender Personen in einigen EU-Mitgliedstaaten häufig komplizierten langen gesetzlich vorgeschriebenen Kriterien entsprechen, bevor ihr Geschlecht in offiziellen Dokumenten geändert werden kann"
Und weiter heißt es:
"Solche Kriterien schließen den Nachweis einer medizinischen oder psychologischen Diagnose von Transsexualität oder Geschlechtsdysphorie/Transgenderismus mit ein.
Ohne dies Diagnosen stehen Transgenderpersonen Schwierigkeiten gegenüberstehen, wenn sie an einfachen täglichen Tätigkeiten teilnehmen wollen, die Ausweise (Identitätsdokumente) erfordern."

"Andere Barrieren für die Teilnahme entstehen aus der Brandmarkung und den negativen Stereotypieren, die zur Angst vor sprachlichen oder körperlichen Angriffen führen. Fast die Hälfte aller Befragten in der EU-LGBT-Befragung hat angegeben, dass beleidigende Sprache über LGBT Leute durch Politiker ziemlich oder sehr weit verbreitet in ihrem Land ist.

Ähnlich zeigt der Überblick von FRA über jüdische Personen in der EU, dass, durchschnittlich, mehr als Hälfte der Befragten antisemitische Anmerkungen in den Medien und durch Politiker wahrgenommen hat [...].
Die Überblickdaten zeigen auch, dass viele Menschen bestimmte Veranstaltungen, Plätze oder Positionen in ihrem lokalen Gebiet oder der Nachbarschaft meiden, weil sie fürchten schikaniert oder angegriffen zu werden. Fast Hälfte der jüdischen Befragten, die ein Opfer eines antisemitischen Ereignisses in den letzten 12 Monaten geworden war, sagt, dass sie bestimmte Plätze vermeiden, weil sie sich als Jude dort nicht sicher fühlen. Ähnlich äußerte sich etwa die Hälfte der LGBT-Befragten, dass sie bestimmte Plätze oder Veranstaltungen aus Angst vor Angriffen, Drohungen oder Belästigungen vermeiden, weil sie LGBT sind.”

Man muss sich ja immer wieder fragen: Ja wenn ihr das alles wisst, warum tut ihr dann so wenig bis garnichts dagegen? Da erinnert man sich vage an Marx und denkt sich: "Die Politiker haben die Welt nur interpretieret, es kommt aber darauf an, sie zu verändern." oder so. Und dieses "verändern" scheint noch nicht angekommen zu sein.
Dennoch zeigt diese Veröffentlichung, dass wir nicht alleine dastehen, als die Mahner in der Wüste, sondern dass unsere Probleme durchaus bekannt sind und wir auch eine breitere Unterstützung erfahren könnten, wenn wier alle mehr den Mut hätten, uns für unsere Rechte auch einzusetzen und solidarisch zu kämpfen.

Hier kann man die Broschüre auf englisch oder französisch herunterladen:
englisch, französisch




 
ADS an MDS - Eine Anfrage
Freitag, 11. Juli 2014 um 19:14

Wir hatten die Antidiskriminierungsstelle des Bundes darum gebeten, zu überprüfen inwiefern die Richtlinien des MDS, des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen, welche die Kostenübernahmen für Behandlungen im Fall von Transsexualität regeln, eine einseitige und unrechtmässige Auslegung von Gerichtsurteilen sein könnte. Nun hat die ADS ein Schreiben an den MDS mit der Bitte um Beantwortung geschickt, das wir der Öffentlichkeit nicht vorenthalten wollen.

Inhalt unserer Nachfrage waren zwei Punkte:

Erstens:

Aus Gerichtsurteilen geht zwar hervor, dass vor der Übernahme von Kassen-Leistungen ein "Leidensdruck" nachzuweisen ist. Was unserer Ansicht nicht aus den Urteilen zu Transsexualität hervor geht ist, dass die Überprüfung des Leidensdrucks mittels Wartezeiten, die Krankenkassen in den MDS-Richtlinien von 2009 verlangen, geschehen muss.

Zweitens:

Die Kostenübernahmen an einen sogenannten "Alltagstest" von mehreren Monaten (in der Regel 12 Monate) zu knüpfen, ist aus Sicht der Aktion Transsexualität und Menschenrecht e.V. ebenfalls eine Schlussfolgerung, die der MDS aus den Urteilen zu Transsexualität nicht ziehen dürfte.

Bedanken möchten wir uns, bei unseren Mitgliedern, welche die Anfrage an die ADS noch mit den richtigen Links zu bestehenden Urteilen (auch des EGMR) versehen haben und auch bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes für das nun aktuelle Schreiben an den MDS:

"Anfrage zur Begutachtungsanleitung des MDS zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen bei Transsexualität

Sehr geehrte Damen und Herren,

nach § 27 des Allgemeinen Gieichbehandlungsgesetzes (AGG) kann sich, wer der Ansicht ist, wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität benachteiligt worden zu sein, an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) wenden.

In diesem Zusammenhang wurden wir durch eine Eingabe auf die in der Begutachtungsanleitung des MDS genannten Regelfristen für die positive sozialmedizinische Empfehlung von geschlechtsangleichenden Maßnahmen aufmerksam gemacht. Aus Sicht der betroffenen transsexuellen Personen würden die genannten Fristen zu einer unverhältnismäßigen Belastung führen, insbesondere wenn sich durch die zeitliche Verzögerung der damit verbundene Leidensdruck erhöht.

Um den genannten Einwänden nachgehen zu können, bitten wir Sie um eine Stellungnahme zu folgenden Fragestelllungen:

Die in der Begutachtungsanleitung genannten Regelfristen für eine psychiatrische/psychotherapeutische Behandlung werden nicht einheitlich bemessen. Während in der Regel für geschlechtsangleichende Maßnahmen eine psychiatrische Behandlung von achtzehn Monaten empfohlen wird, ist für eine Hormonbehandlung ein Zeitraum von in der Regel zwölf Monaten vorgesehen. Wir bitten Sie um eine Einschätzung, wie diese unterschiedlichen Zeiträume begründet werden.

Weiterhin bitten wir Sie Ihre Einschätzung darzulegen, auf welche Grundlage die Notwendigkeit einer psychiatrischen Behandlung vor Durchführung geschlechtsangleichender Maßnahmen gestützt wird. In der Begutachtungsanleitung wird im Kapitel „2.4-Leistungsrechtliche Aspekte zu medizinischen Behandlungsmaßnahmen“- auf den Beschluss des Bundessozialgerichts (BSG) vom 20.06.2005, Az. B 1 KR 28/04 Bezug genommen. In diesem Beschluss stellt das BSG fest, dass die Kosten für eine geschlechtsangleichende Operation nur dann von den gesetzlichen Krankenkassen zu tragen sind, wenn psychiatrische und psychotherapeutische Mittel das Spannungsverhältnis nicht zu lindem oder zu beseitigen vermögen.

Aus Sicht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes besagt das Urteil nicht, dass die Kosten für geschlechtsangleichende Operationen nur dann übernommen werden können, wenn diesen im Vorfeld eine erfolglose psychiatrische Behandlung vorausgegangen ist.
Sofern die genannten Regelfristen seitens des MDS auf das genannte Urteil gestützt wurden, wäre dieser Schluss aus Sicht der ADS nicht zwingend.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) hat sich in der Entscheidung VAN KÜCK gegen Deutschland, Beschwerde Nr. 35968/97 vom 12.06.03, unter den Ziffern 79-80 dahingehend geäußert, dass nicht ohne Weiteres auf die Möglichkeit einer Psychotherapie als milderes Mittel zur Behandlung verwiesen werden darf. Dies gilt jeden Falls dann, wenn ein Sachverständigengutachten die Notwendigkeit von geschlechtsangleichenden Maßnahmen bestätigt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Kosten für geschlechtsangleichende Maßnahmen auch ohne eine vorherige psychiatrische Behandlung von den Krankenkassen ersetzt werden müssten, sofern ein Sachverständigengutachten ergibt, dass eine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung das Spannungsverhältnis nicht lindem/beseitigen kann.

Aus Sicht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes stellt sich daher die Frage, an welcher Stelle diese Erwägungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) in der Begutachtungsanleitung Berücksichtigung finden. Auch diesbezüglich bitten wir Sie Ihre Einschätzung darzulegen.

In der Begutachtungsanleitung ist ferner geregelt, dass der Patient/die Patientin das Leben in der gewünschten Geschlechterrolle erprobt haben muss. Hierfür ist ein Alltagstest von in der Regel zwölf Monate vorgesehen. In dem genannten Urteil des EGMR erwähnt das Gericht, dass es unverhältnismäßig sei, wenn eine Person einen Beweis für die „Echtheit“ ihrer Transsexualität erbringen muss und die Beweislast für die medizinische Notwendigkeit einer solchen Behandlung erbringen muss. Aus Sicht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes könnte die Regelung der Notwendigkeit eines solchen Alltagstest einer solchen Beweiswirkung nahekommen. Auch diesbezüglich bitten wir um eine Darlegung, inwieweit die Erwägungen des genannten Urteils des EGMR in der Begutachtungsanleitung Berücksichtigung finden.

Abschließend bitten wir Sie mitzuteilen, ob wir Ihre Antwort an den betroffenen Personenkreis weiterleiten dürfen."

(Brief der ADS vom 11. Juli 2014)

 
Ein Zwangsouting kommt selten allein
Freitag, 11. Juli 2014 um 18:52
Bereits gestern hatten wir darüber berichtet, wie ein Gericht in Rheinland-Pfalz der Ansicht war, Zwangsoutings für transsexuelle Arbeitnehmer als legitim anzusehen. Kaum sieht man sich um, schon dürfen wir ein weiteres Urteil anfügen, dass eine ähnliche Schlussfolgerung zulässt. Dieses mal trifft es Selbstständige und potentielle Arbeitgeber.

Die Juraplattform "Juraform.de" hat heute einen Text zu einem Urteil des Oberlandesgerichtes Schleswig-Holstein veröffentlicht, das bereits im Frühling 2014 gesprochen wurde. In dem Urteil mit dem Aktenzeichen 2 W 25/14 wird ausgeführt, dass transsexuelle Menschen, die ein Unternehmen führen, kein Recht darauf hätten, dass ihr früher Name im Handelsregister gelöscht wird.

Die Richterin Dr. Christine von Milczewski äusserte dazu in einer Pressemitteilung, es überwiege "das öffentliche Interesse daran, die Richtigkeit und Vollständigkeit des Handelsregisters zu gewährleisten, gegenüber dem Recht der Beteiligten auf vollständigen Schutz Ihrer informationellen Selbstbestimmung."

Die Rechtsbeschwerde zum Bundesgerichtshof in Karlsruhe sei zugelassen worden.

Wir fragen uns, was daran richtig sein soll, eine Frau mit männlichem Namen in einem Register zu führen. Offenbar ist das Gericht in Schleswig-Holstein der Ansicht, dass eine transsexuelle Frau vor der Änderung der Papiere männlichen Geschlechts gewesen sei. Immer wieder müssen wir feststellen, dass diese transsexuellenfeindliche Vorstellung selbst an deutschen Gerichten existiert.

Was hatten wir da gestern dazu angemerkt? Wir fügen das einfach noch mal ein:

„Der vom Persönlichkeitsrecht geschützte Wunsch nach Ausdruck der eigenen Geschlechtlichkeit im Vornamen umfasst damit auch das Recht [...] sich nicht im Alltag Dritten oder Behörden gegenüber hinsichtlich der eigenen Sexualität gesondert offenbaren zu müssen (vgl.BVerfGE 88, 87 <97 f.>)."

Das hatte mal das Bundesverfassungsgericht geäussert. Erstaunlich, wie wir finden, dass Zwangsoutings zu fordern, dennoch kein Problem für Richter_Innen an deutschen Gerichten zu sein scheint.

Link zu der Meldung auf juraforum.de:

Transsexualität darf aus Handelsregister ersichtlich sein

 
Das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz fordert transsexuelle Arbeitnehmer zum Zwangs-Outing auf
Donnerstag, 10. Juli 2014 um 09:55

Will ein transsexueller Arbeitnehmer Schutz des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) geniessen, muss nach Auslegung des Landesarbeitsgerichtes Rheinland-Pfalz die Transsexualität vorher bekannt gemacht worden sein. In einem Urteil, das nun veräffentlicht wurde, führt das Gericht aus, dass es erforderlich sei, "dass der Arbeitgeber oder sein Vertreter das Vorliegen des Nachteils kennt oder jedenfalls vom Vorliegen dieses Merkmals ausgeht."

Einer transsexuelle Frau, die bereits eine Zusage für eine Stelle als Kommissioniererin in einem Schmuckhandelsunternehmen hatte, war nach dem Treffen mit dem Logistikleiter mitgeteilt worden, dass die Stelle anderweitig besetzt würde.

Botschaft des Urteiles des Landesarbeitsgerichtes Rheinland-Pfalz ist, dass transsexuelle Arbeitnehmer nur dann Schutz vor Diskriminierung geniessen können, wenn sie nachweisen können, dass sie ihre Transsexualität vorher bekannt gemacht haben. Aus Sicht der Aktion Transsexualität und Menschenrecht bedeutet dies eine Aufforderung zum Zwangsouting. Damit wird der Sinn von Antidiskriminierungsregelungen auf den Kopf gestellt. Das Bundesverfassungsgericht hatte 2006 dazu noch folgendes geäussert (BVerfG, 1 BvL 1/04):

„Der vom Persönlichkeitsrecht geschützte Wunsch nach Ausdruck der eigenen Geschlechtlichkeit im Vornamen umfasst damit auch das Recht [...] sich nicht im Alltag Dritten oder Behörden gegenüber hinsichtlich der eigenen Sexualität gesondert offenbaren zu müssen (vgl.BVerfGE 88, 87 <97 f.>)."

Der Widerspruch ist offensichtlich. Wenn man berücksichtigt, dass die Antidiskriminierungsstelle des Bundes verstärkt dazu aufruft "anonymisierte Bewerbungsverfahren" einzusetzen und Christine Lüders, die Leiterin der ADS meint, dass die anonyme Bewerbung ein "sehr gutes Mittel gegen Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt" sei, möchte man sich nicht ausmalen wie (un-)wirkungsvoll das für transsexuelle Menschen sein kann.

Der Gerichtsentscheid aus Rheinland-Pfalz zeigt wie wichtig es ist, über geeignete Mittel gegen die Diskriminierung transsexueller Menschen im Arbeitsumfeld nachzudenken. Antidiskriminierungsgesetze, die in der Anwendung die Folge haben, Zwangsoutings zu fordern, und damit selbst Teil der Diskriminierung zu werden, sind ziemlich absurd.

Der Link zum Urteil:

Zur Diskriminierung wegen Transsexualität

 
Neue Untersuchung zur Diskriminierung von LSBTTIQ-Menschen
Sonntag, 29. Juni 2014 um 15:55
Am 24.06.2014 stellte die Familienforschung Baden-Württemberg im Rahmen des CSD-Empfangs im neuen Schloss (Sitz der Landesregierung) die ersten Ergebnisse einer Onlinebefragung vor. Die Veröffentlichung der kompletten Studie mit allen Ergebnissen soll nach der Sommerpause erfolgen. Gedanken dazu von Christina Schieferdecker.

Was uns als ATME an den Ergebnissen nicht überrascht, ist die starke Diskriminierung transsexueller Menschen. So erfahren selbst in dem Bereich der geringsten Diskriminierung, 10 – 20% aller transsexueller Menschen Benachteiligungen und Demütigungen, bis hin zu Bereichen, in denen fast alle Demütigungen erfahren, etwa 80%, im Bereich Familie und Öffegaffenntlichkeit.

Besonders auffällig ist die Art der Demütigung, die 90 % aller transsexueller Menschen im Bereich „nicht anerkannt werden/nicht ernst nehmen”, „Gaffen” und der Kontaktvermeidung erfahren.
Insofern ist der Naziaufmarsch in Stuttgart letzten Samstag gegen Bildung und Minderheiten zwar widerwärtig und schrecklich, aber nur die Spitze des Eisbergs. Dummheit und Ignoranz durch Nicht-Bildung ist ein typisch deutsches Phänomen. Und die Wut, wenn man Menschen ihre Dummheit nehmen möchte, ein typisches Problem von Menschen mit extremistischer Grundhaltung oder starker irrationaler Glaubensüberzeugung.

Dabei ist Nicht-Bildung und Dummheit keinesfallsorte auf bildungsferne Schichten begrenzt, wie gerade die starke Diskriminierung im Gesundheitswesen – also durch Ärzte, Psychotherapeuten und Co. - im Bereich TTI zeigt. Den stärksten Ausschlag haben intersexuelle Menschen in der Grafik.

Doch auch das überrascht nicht, schaut man sich die Geschichte und die Situation der sogenannten Sexualwissenschaft in Deutschland an.
Die Ärzte und Psychotherapeuten – vor allem Psychoanalytiker – waren die Berufsgruppen, die sich am stärksten mit der Ideologie des Nationalsozialismus anfreunden konnten, da sie ihrer Ideologie – vor allem der der Psychoanalytiker – doch sehr nahe waren. Kein Berufsstand hatte so viele NSDAP-Mitglieder, wie der Ärztestand, die sich dann auch fleißig an Zwangskastrationen und der Vernichtung lebensunwerten Lebens beteiligten.
Nach dem Ende des Dritten Reiches blieb vor allem die Ärzte- und Psychotherapeutenschaft von der Entnazifizierung verschont, da man ihre Dienste nach Ende des Krieges dringend benötigte. Und deren Kinder und Enkel sind heute unsere Vertrauensärzte.
1950 gründeten dann zwei überzeugte Nationalsozialisten, Bürger-Prinz und Giese, die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung um ihre im nationalsozialistischen Gedankengut beheimateten Vorstellungen über Geschlecht und Sexualität weiterhin in Deutschland zu verbreiten. Wirklich aufgearbeitet wurde das nie. Auch die Pathologisierung von Geschlecht, und Menschen die nicht den Normen entsprechen, hält bis heute an.

Immer noch werden Lobbyorganisationen wie die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung, deren selbstformulierter Anspruch auf geschlechtliche Fremdbestimmung noch immer Aufrecht erhalten wird, auch von der Bundesregierung beratend hinzugezogen. Deren Mitglieder hatten bedeutenden Anteil an der Entwicklung der Behandlungsstandards transsexueller Menschen und des Transsexuellengesetzes (incl. Zwangskastration). Aktuell sollen übrigens unter Federführung der DGfS in Deutschland wieder neue Standards ausgearbeitet werden. Mit am Start sind die Berliner von der Charité, die ja besonders negativ durch den Versuch, ein transsexuelles Mädchen gegen ihren Wunsch zur Umpolung in die Psychiatrie zu befördern, aufgefallen waren.

"Noch immer das hölzern pedantische Volk,
Noch immer ein rechter Winkel
In jeder Bewegung, und im Gesicht
Der eingefrorene Dünkel.
Sie stelzen noch immer so steif herum,
So kerzengerade geschniegelt,
Als hätten sie verschluckt den Stock,
Womit man sie einst geprügelt".

Deutschland, ein ewiges Wintermärchen.

Vielleicht ist ja die Baden-Württembergische Landesregierung durch die obigen Zahlen, die völlig dem Menschenrechtsbericht von ATME entsprechen, dem sie keinen Glauben schenken wollten, aus ihrem Winterschlaf erwacht und wir können endlich mal zum Frühling übergehen (mit einem bisschen mehr Grün), aber wir werden sehen. Noch haben wir Bodenfrost auf brauner Erde, deutschlandweit.

Download der ersten Studienergebnisse

 
Hinweis (nicht nur) für SWR-2Hörer
Mittwoch, 18. Juni 2014 um 16:36

Manchmal gibt es auch Möglichkeit sich zu unterhalten. Die ATME-Vorsitzende Kim Schicklang unterhält sich mit SWR-Moderator Bernd Lechler. Für diejenigen, die auf Grund des Interviews hierher gefunden haben, haben wir eine kleine Fragen-Antwort-Sammlung zusammengestellt.

Hier eine kurze Q&A:

1. Was sind transsexuelle Menschen?

Transsexuelle Menschen werden mit Körpermerkmalen geboren, die nicht ihrem eigentlichen Geschlecht entsprechen. Es gibt Frauen, die auf Grund dieser Körpermerkmale vermännlichten und Männer bei denen diese Vermännlichung nie stattgefunden hat.
 
2. Warum ist „Gender Dysphorie“ etwas anderes als Transsexualität?

„Gender Dysphorie“ ist ein Begriff aus der Psycho-Sexologie. Darunter stellen sich die Menschen, welche den Begriff verwenden Menschen vor, die sich dem anderen sozialen Geschlecht zugehörig fühlten – beispielsweise Jungs, die mit Puppen spielen oder Mädchen, die lieber auf dem Fussballplatz stehen, als in der Puppenstube zu sitzen. ATME lehnt nicht nur die Vorstellung ab, dass Jungs immer mit Jungsspielzeug und Mädchen mit Mädchenspielzeug spielen müssen, sondern hält die Vorstellung, dass man das Geschlecht von Kindern immer an Chromosomen oder Genitalien ablesen kann, für falsch. Ein transsexuelles Mädchen ist beispielsweise (auch im Sinne der Biologie) ein Mädchen.

3. Warum hält ATME Trans* für kein geeigneter (Über-)begriff?

In letzter Zeit hört man häufiger den Begriff „Trans*“. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung dass es Menschen gibt die biologisch das eine sind, aber sich „wie das andere“ (Geschlecht) fühlen. Transsexuelle Menschen fühlen sich aber nicht wie das andere Geschlecht, sondern lernen in einem Coming Out ihr eigenes Geschlecht zu akzeptieren. Dieser Selbstbewusstwerdungsprozess ist nicht einfach, da die körperlichen Merkmale nicht dem eigenen Geschlecht entsprechen. Körperliche Veränderungen wünschen transsexuelle Menschen nicht deswegen um irgendein Geschlecht zu „werden“, sondern um Abweichungen vom eigenen Geschlecht zu korrigieren. Welche Frau will, wenn sie in den Spiegel schaut einen Menschen sehen, der durch den Einfluss von Testosteron aussieht, wie ein Mann? Eben.

4. Welche Klischees halten sich (auch in den Medien) hartnäckig?

Fast alle Medienberichte erzählen bei Transsexualität die Geschichte eines umgewandelten Menschen, der früher ein anderes Geschlecht gewesen sei, als er nun vorgibt. Diese Berichterstattung ist transphob, aber für transsexuelle Menschen Alltag. Entspricht beispielsweise eine transsexuelle Frau dem Stereotyp Frau lauten häufige Schlagzeilen „Diese Frau ist in Wirklichkeit ein Mann“. Entspricht eine transsexuelle Frau dem Stereotyp nicht und wird „männlich“ konnotiert, wird häufig genug behauptet, dass es um das „als Frau leben“ ginge.

Ehrlich gesagt: Diese Art der Sichtweise ist bisher fast allen Berichten, TV-Beiträgen, Zeitungsartikeln gemein. Kern ist immer, einer transsexuellen Frau zu unterstellen, sie sei keine „echte“ Frau (sondern eine „Transfrau“, die keine „Biofrau“ sei und ähnlicher Unsinn).  

5. Was ist „Der Spalt“?

Die Aktion Transsexualität und Menschenrecht e.V. hat die Entstehung von „Der Spalt“ unterstützt. Es handelt sich um einen Film, der die Aussensicht und stereotype Darstellung transsexueller Menschen (siehe 4) umkehrt und damit einen Neuanfang in der Betrachtung von Menschen, die von geschlechtlichen Normen abweichen wagt. In einer Gesellschaft, in denen Menschen bestimmte Körperlichkeiten besitzen sollen, um als Frau oder Mann anerkannt zu werden, gehört Mut dazu, so einen Film zu drehen. Filmverleiher und Kinobetreiber (aber auch Einzelpersonen, die wissen, wo man den Film zeigen kann), finden unter www.derspalt.de mehr Informationen.

Wir hoffen, dass diese ersten Antworten helfen können, den Menschen, die über die SWR2-Sendung auf diese Seite gelangt sind, einen kleinen Einblick zu verschaffen. Wenn sie mögen, laden Sie sich auch einfach auf der Rechten Seite die beiden verlinkten pdf-Dokumente herunter.

Falls weitere Fragen bestehen, können Sie sich gerne an uns wenden.

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Link zur SWR2-Sendung

 
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