building responsive website

Identität und Ausgrenzung - Veranstaltungsrückblick

Zur CSD-Saison 2018 hatte die Aktion Transsexualität und Menschenrecht zur Diskussionsveranstaltung "Identität und Ausgrenzung" eingeladen. Obwohl nicht alle Gesprächsgäste den Mut fanden, sich mit transsexuellen Menschen zu unterhalten und uns vor der Veranstaltung abgesagt hatten, ist mit den Anwesenden eine tiefgründige Diskussion zu Stande gekommen. Dies kann in einem Audiomitschnitt nachgehört werden.

Die Audiodatei zur Veranstaltung:




http://atme-ev.de/o-ton/ATME_CSD_2018_Identitaet.mp3

Vielen Dank allen Gästen und dem Publikum, das sich an der Diskussion beteiligt hat.

Keine Stellungnahme

Wir sind angeschrieben worden und wurden gefragt, warum wir bisher keine Stellungnahme zum Referentenentwurf des Innenministeriums zur 3. Geschlechtsoption abgegeben haben. Hier vielleicht mal in kurz: Wir haben uns nicht dafür eingesetzt, so eine Kategorie einzuführen, da wir eher darüber nachdenken würden von 2 Geschlechtskategorien auf 1 zu kommen, anstatt zur 2. noch eine 3. hinzuzufügen. Geschlechterschubladisierungen kritisieren wir ja schon länger. Insbesondere dann, wenn die Schubladisierung fremdbestimmt ist, und Menschen in Schubladen gesteckt werden - ausgehend von Klischees, Stereotypen und einer Verwertungslogik, die Menschen bewertet, anstatt gleich zu behandeln.
 
Wenn eine dritte Option mit "Geschlechtsidentität" begründet wird, wie das in all uns bekannten Statements zu dem Referentenentwurf der Fall ist, wird es nicht besser. Im Gegenteil. Denn "Geschlechtsidentität" meint von der Idee her ja nicht "Geschlecht". Sonst könnte mensch es ja so nennen. "Geschlechtsidentität" wird dann in den uns bekannten Texten daher auch als "Identität weicht vom Geschlecht ab" verstanden. Wer dann sagt, es sei etwas ganz tolles, die "Geschlechtsidentität" eines Menschen anzuerkennen, aber zugleich von einem "Geschlecht" zu sprechen, das etwas anderes sei - und an den Genitalien abgelesen werden könne - äussert (und denkt?) ein Paradoxon. Im übrigen genau das Paradoxon, das wir bereits mit unserem ersten Menschenrechtsbericht (der auf unserer Website immer noch zu finden ist) kritisiert hatten und als ursächlich für geschlechtliche Fremdbestimmung und Ungleichbehandlung ansehen.
 
Deswegen möchten wir keine Stellungnahme abgeben, die als ein "noch ein Verein, der dasselbe fordert" angesehen werden könnte. Wir wollen nie dasselbe und wollen es auch nicht. Es ging uns noch nie darum "Geschlechtsidentitäten" anzuerkennen, sondern immer darum, das Geschlecht(!) eines Menschen anzuerkennen. Es ging uns nie darum, das übergriffige, wie sexistische Weltbild, das Geschlecht auf körperliche Merkmale reduziert und zugleich dann Menschen lediglich davon abweichende "Gefühle" zugesteht, weiter zu fördern. Es mag Vereine und Initiativen geben, die darin ihre Erfüllung sehen, die bestehende Geschlechterordnung aufrecht zu erhalten und sich dann damit begnügen, innerhalb dieser Ordnung eigene abgetrennte Bereiche bzw. Geschlechterghettos einzurichten, in der dann Ghettoaufseher auf die eingekastelten Menschen aufpassen. Uns ging es darum nie.
 
Wir setzen uns für echte Gleichberechtigung ein. Das bedeutet, dass unser Einsatz eine andere Motivation hat, als bestehende hierarchische Ungleichbehandlungsstrukturen zu stützen. Wir machen uns stark dafür anzuerkennen, dass Menschen ein Wissen über ihr Geschlecht und ihren Körper besitzen. Kein anderer Mensch hat das Recht, sich über dieses Wissen zu stellen und auf Grund der Deutung körperlicher Beschaffenheiten anderes zu behaupten.
 
Stellungnahmen, in denen nicht von der Idee abgerückt wird, das Geschlecht mit körperlichen Merkmalen gleichzusetzen und zugleich "vom Körper abweichende Geschlechtsidentitäten" propagiert werden, ändern nichts an der Realität. Wer etwas für Gleichberechtigung der Menschen tun will, erfindet auch nicht 3. 4. oder zig-te staatliche Geschlechter, sondern schafft einen Rahmen, in der jeder Mensch privat die Geschlechtsidentität haben kann, die er haben will, wenn er so möchte. Dazu gehört auch, dass Menschen das Recht haben müssen, trotz des Wissens (oder gerade deswegen?) über ihr Geschlecht gar keine oder keine spezielle "Geschlechtsidentität" haben zu müssen - entweder weil ihnen eine Zuordnung zu bestimmten Schubladen nicht so wichtig ist, oder weil sie das Konzept "Geschlechtsidentität" als übergriffig und sexistisch erleben. Ein Staat, der Menschen als mündige Bürger ernst nimmt, sorgt dafür, dass stereotype Aufteilungen in soziale Geschlechter - die meist denn offenen oder heimlichen Sinn haben, Ungleichbehandlungen aufrecht zu erhalten - weniger werden. Er schafft nicht neue Gender-Grenzen. Geschlechtliche Schubladen können sowieso nicht sinnvoll verordnet werden und geschlechtliche Realitäten werden damit nicht abgebildet.
 
So weit erst einmal. Wer sich für eine dritte Option einsetzen will, der soll das tun. Wir setzen uns dafür nicht ein. Sollte eine dritte Geschlechtsoption am Ende zu mehr Ungleichberechtigung führen und daraus staatliche Zuordnungen zu drei Geschlechtern erfolgen oder neue, stereotype Zuordnungsmechanismen durch Staat und Psychomedizin, dann werden wir uns, sollte es dazu kommen, dagegen zur Wehr setzen (wie bei 2 Geschlechtern auch bereits).
 
Sollte aber alles viel besser werden als unsere Bedenken, dann freuen wir uns, dass es besser geworden ist. Dann dürfen sich die Vereine, die sich hier engagieren, gerne auf die Schulter klopfen oder sich gegenseitig zujubeln. Wir stehen diesem Aktivismus nicht im Wege. Nur: Wir machen da auch nicht mit. Warum, steht oben - und in unseren Menschenrechtsberichten.