Medien? Man kann sich auch dumm stellen

Chelsea Manning: „Ich bitte auch, mich ab heute mit meinem neuen Namen anzureden und das weibliche Personalpronomen zu verwenden.“ Und wieder einmal bestätigt sich das, was wir in den letzten Monaten verstärkt beobachten: Medienmacher in Deutschland haben ein Problem damit das Geschlecht eines transsexuellen Menschen anzuerkennen. Anstatt einen deutlichen Satz wie "ich möchte ab sofort mit dem Personalpronomen 'sie' benannt werden, nachzukommen, wird darüber berichtet, dass ein Mensch diesen Wunsch habe - natürlich kommt ein deutscher Redakteur diesem Wunsch selbstverständlich nicht nach. Immer noch gilt in Deutschland: Transsexuellen Menschen darf man offen die Zunge herausstrecken, da es anscheinend nichts zu befürchten gibt. Oder?

Was ist an dem Satz so schwer zu verstehen?

„Ich bitte auch, mich ab heute mit meinem neuen Namen anzureden und das weibliche Personalpronomen zu verwenden.“

Wir gehen diesen Satz für deutsche Redakteure mal Stück für Stück durch, ok?

Ich:
In diesem Fall schreibt eine Person von sich.

bitte:
Gut, es ist eine Bitte. Einer Bitte muss man nicht nachkommen. Aber man könnte. Was könnte es für einen Grund geben, der Bitte nicht nachzukommen?

ab heute:
Hier handelt es sich um einen Hinweis auf eine Zeit. Heute bedeutet in diesem Fall: Ab sofort.

mit meinem neuen Namen anzureden:
Es handelt sich bei der obigen Übersetzung, die über einen Ticker einer deutschsprachigen Nachrichtenagentur ging, um eine Falschübersetzung. Im Original heisst es "I also request that, starting today, you refer to me by my new name". Das ist mehr, als in der Übersetzung steht. "Refer" heisst auch, wenn man sich auf sie bezieht bzw. von ihr spricht/schreibt/etc. zum Beispiel in Zeitungen.

das weibliche Personalpronomen:
in Deutschland wird da normalerweise "sie" verwendet

Eigentlich sollte das jeder Grundschüler verstehen. Warum deutsche Medienvertreter nicht?

Einem Menschen sein Geschlecht per Schulterzucken abzuerkennen ist kein Kavaliersdelikt. Es ist offene Transphobie. Die Ausrede, dass Zeitungen wie Stern, Spiegel, Zeit, Süddeutsche, Focus, Bild, eben nur uninformiert seien und so ein Fehler eben passieren könne, zieht langsam nicht mehr (ihr habt schon genügend Zeit gehabt Euch zu informieren und wir sind uns sicher, dass ihr auch schon mal eine Mail von uns erhalten habt). Wir hören die Ausrede seit mehreren Jahren und denken, dass sich solangsam rumgesprochen haben dürfte, was Transphobie ist: Sie ist immer dann gegeben, wenn ein Mensch meint, er müsse irgendeinen Grund dafür finden, warum er nicht dazu bereit ist, das Geschlecht eines transsexuellen Menschen, der mit einem Coming Out an die Öffentlichkeit geht, anerkennen zu wollen.
 
Unsere Lieblingsausrede von Medienmachern ist die folgende: "wieso denn, es gibt doch Betroffene, die meinen Artikel ganz toll finden..."
 
Das mag sein, aber wer so argumentiert, wird auch antiemanzipatorische Artikel schreiben können, weil es bestimmt irgendwo auch Frauen gibt, die gerne kochen und bügeln oder rassistische Artikel damit rechtfertigen können, dass man auch Menschen mit dunler Hautfarbe finden könnte, die freiwillig gerne hinten im Bus sitzen. Vorausgesetzt man sucht ein bisschen. Zugegeben, noch gibt es genügend transsexuelle Menschen, die eine Suche verkürzen, aber wir wagen mal die Prognose, dass eine Berichterstattung wie die über Chelsea Manning dazu beiträgt, dass es langsam und stetig immer schwieriger werden wird. Wir sind schon ein wenig dankbar für die Steilvorlage, die ihr uns geliefert habt, liebe Medienmeute.
 
So deutlich zeigt sich Ignoranz gegenüber dem, um was transsexuelle Menschen bitten, nämlich nicht jeden Tag. Vielleicht mal in kurz, was ihr tun könntet, um Euch nicht ganz so lächerlich zu machen (und es ist wirklich lächerlich, wenn man einen Satz zitiert mit einer Bitte darin und dann zeigt, dass man kein Bock darauf hat, dieser nachzukommen. Und Achtung: Damit zeigt ihr ja, dass es irgendein Problem geben muss, das ihr habt. Es ist nicht das Problem transsexueller Menschen, dass sie sagen, wer sie sind, sondern derjenige hat ein Problem, der nicht bereit ist anzuerkennen, was ein transsexueller Mensch gesagt hat. Die Frage ist: Was für eines?)
 
Ein transsexueller Mensch äussert mit seinem Coming Out, wer er ist. Wie mehr ist es nicht? Nein. Mehr ist es nicht.
 
Überlegt mal, was das bedeutet. Es ist ganz einfach. Man muss nur in der Lage sein, Respekt zu zeigen. Zum Beispiel vor einem Menschen, der wie Chelsea Manning den Mut hat, sich klar und bewusst darüber zu sein, was "Schreibtischtäter" für ein Wort ist, und was dieses Bewusstsein für Folgen haben muss, wenn man keiner sein will. Ihr könntet Euch an diesem Mut 'ne Scheibe anschneiden. Da man die Hoffnung nie aufgeben darf, haben wir an den Deutschen Presserat (Beanstandete Artikel in Stern, Focus, Spiegel, Zeit, Welt, Bild, etc.) geschrieben. Wieder einmal.
 
Auch hier gilt: Es ist nicht das Problem, dass sich transsexuelle Menschen beschweren, sondern euer Problem, liebe Medienleute, die ihr es nicht gebacken bekommt. Immer noch nicht. Ach ja... Warum eigentlich nicht? ...

Definition

Das Wort „Transsexualität“ wird abgeleitet von dem Wort „Transsexualismus“, das Magnus Hirschfeld zum ersten Mal 1923 verwendete. Es setzt sich zusammen aus den Wörtern „trans = entgegengesetzt“1 (in dieser Bedeutung wird "trans" in den Chemie und Biologie verwendet) und „sexualis = geschlechtlich“.

Transsexuelle Menschen haben sich selbst in der Vergangenheit immer wieder als „im falschen Körper geboren“ bezeichnet.

"Das Problem ist sehr tief verwurzelt in den Zellen des Körpers. Äußerlich haben Sie viele der Geschlechtsmerkmale des Mannes. Sie wurden bei der Geburt zu einem Jungen erklärt und Sie sind so sehr unglücklich geworden, in der Gestalt eines Mannes. Aber innerlich ist es durchaus möglich, dass Sie eine Frau sind. Ihre Körperchemie und alle Ihre Körperzellen, einschließlich Ihrer Gehirnzellen, sind evtl. weiblich." (Dr. Christian Hamburger zu Christine Jorgensen, 19502)

Wenn wir von Transsexualität sprechen, sprechen wir nicht von Geschlechtsumwandlungen. Wenn wir von Transsexualität sprechen, sprechen wir von Menschen, die zu den Menschen gehören, die mit einer geschlechtlichen Besonderheit geboren wurden – nämlich von Mädchen, die mit Penis und Hoden und mit xy-Chromosomensatz und von Jungs, die mit Vagina und mit xx-Chromosomensatz auf die Welt kommen.

Unser Wissen über geschlechtliche Variationen sagt uns, dass die Selbstaussage transsexueller Menschen über ihr Geschlecht wahr ist (was wir auch im folgenden Text noch zeigen werden). Wir schließen außerdem aus unserem Wissen über geschlechtliche Variationen, dass kein Mensch auf dieser Welt das Recht dazu hat diese Wahrheit anzuzweifeln, oder transsexuelle Menschen per Gesetz oder medizinischer Definition als biologisch nicht-existent oder widernatürlich zu definieren.

Trotzdem sieht die Realität bei transsexuellen Menschen heute noch anders aus - ihr Wissen über ihr Geschlecht, das sich durch Aussagen wie "Ich bin ein Mädchen/eine Frau" oder "Ich bin ein Junge/ein Mann" ausdrückt, wird immer noch als psychische Störung betrachtet und als ebensolche der Öffentlichkeit verkauft.

Es wird von so genannten „Geschlechtsumwandlungen“ erzählt und behauptet, dass z.B. ein transsexuelles Mädchen vom „geschlechtsidentitätsgestörten Jungen“ per Operation (und Änderung von Rollenstereotypen) „zum Mädchen wird“, anstatt ihr eigentliches ursprüngliches Geschlecht anzuerkennen.

Transsexuelle Menschen sind Menschen, die im falschen Körper geboren wurden. Dies wurde bereits durch mehrere wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt. Dennoch gelten transsexuelle Menschen rechtlich und medizinisch nach wie vor als psychisch gestört und sind Opfer von Vorurteilen und religiösen oder extremistischen Vorstellungen.

1995 konnten Forscher nachweisen, dass transsexuelle Frauen tatsächlich Frauen sind, weil sie ein anatomisch weibliches Gehirn haben. Weitere Hirnforschungen konnten zeigen, dass die Gehirne transsexueller Frauen nicht nur anatomisch weiblich waren, sondern auch wie weibliche Gehirne funktionierten.

"Sie SIND Ihr Gehirn! Wir HABEN nicht ein Gehirn, wir SIND ein Gehirn: Alles, was unsere Identität ausmacht, ist in unserem Gehirn. Mit einem anderen Gehirn wären wir ein anderer Mensch." (Manfred Spitzer, Hirnforscher3)

Die wissenschaftliche Geschlechterforschung ist sich inzwischen sicher, dass das Wissen um das eigene Geschlecht vor der Geburt festgelegt wird und nach der Geburt nicht mehr veränderbar ist, weshalb Transsexualität nicht therapierbar ist.

Und warum sollten wir nicht den verbalen Erklärungen transsexueller Menschen in Bezug auf ihre Identität weniger Glaubwürdigkeit schenken, als den Aussagen über die sexuelle Orientierung?”4 (Milton Diamond)



1„Wir haben diesen Trieb als t r a n s v e s t i t i s c h e n bezeichnet, von trans entgegengesetzt und vestitus gekleidet,“ (Magnus Hirschfeld). (Hirschfeld 1918). Quelle (zuletzt abgerufen am 04.02.2013): http://www.hirschfeld.in-berlin.de/institut/de/theorie/theo_13.html
Dass Magnus Hirschfeld das Wort „trans“ im Sinne von „entgegengesetzt“ verwendete, sorgt bis heute für Verwirrung. So basiert das häufigste Missverständnis der Bedeutung des Wortes „Transsexualismus“ in der „falschen“ (= nicht im Sinne des Schöpfers) Übersetzung des Wortes „trans“. Wir kennen vor allen Wörter, wie Transport, translation (engl.), Transamericana, Transit, etc., wo es meist die Bedeutung „von … nach ...“ hat. Die zweite häufige Fehlübersetzung betrifft das Wort „sexualismus“ mit „Geschlecht“. Doch das lateinische Wort für „Geschlecht“ ist „sex“, nicht „sexualis“. „Sexualis“ ist Neu-Latein und bedeutet „geschlechtlich“.
So ist die häufigste Fehlübersetzung von Transsexualismus, dass sich ein Mensch „Von weiblich (männlich) nach männlich (weiblich) sein Geschlecht wechsle“. Doch so war die Bedeutung nie gemeint. Transsexualismus in der Bedeutung von „entgegengesetzt geschlechtlich“ beschrieb einen Ist-Zustand

2Christine Jorgensen (2000): A Personal Autobiography. Cleis Press, San Francisco, California, United States. Reprint of the 1967 autobiography with an introduction by Susan Stryker. S. 219. Übersetzung ATME

4Diamond, Milton (2009): Clinical implications of the organizational and activational effects of hormones. Commentary. In: Hormones and Behavior 55 (2009) 621–632. Accepted 12 March 2009. © 2009 Elsevier Inc.